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Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung
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Das Fachgebiet

 

"Persönlichkeit" gehört wohl zu den faszinierendsten, aber auch zu den sehr schwer fassbaren Begriffen der Psychologie. Wir alle haben eine intuitive Vorstellung davon, was wir meinen, wenn wir im Alltag von einem Menschen sagen, er sei eine "große Persönlichkeit" oder er besitze bestimmte Persönlichkeitszüge wie Freundlichkeit, Ängstlichkeit, Impulsivität oder Gewissenhaftigkeit. Kann man solche Begriffe wissenschaftlich erklären? Wie entstehen diese und andere Persönlichkeitsmerkmale? Wie wirken sie sich auf das Verhalten der Menschen aus? In welchem Maße kann man sie ändern?

In der Lehre wird in Osnabrück der Stand der persönlichkeitspsychologischen Forschung in eine Systematik eingeordnet, die es ermöglicht, die z. T. sehr heterogenen Forschungsthemen und theoretischen Perspektiven verschiedenen Systemebenen zuzuordnen (Gewohnheiten, Temperamt, Affekte, Stressbewältigung, Motive, kognitive Prozesse und Selbststeuerung). Darüber hinaus werden Befunde aus anderen psychologischen Fächern, die für das Zusammenwirken dieser verschiedenen Systemebenen relevant sind, in die Betrachtung mit einbezogen.

In der Forschung wenden wir eine solche systemtheoretische Sichtweise der Persönlichkeit an, und untersuchen Persönlichkeit als eine spezifische Konstellation der Interaktionen zwischen kognitiven, affektiven und motivationalen Prozessen. Wir untersuchen diese Prozesse wie die Umsetzung von Vorsätzen (Willensbahnung) und die Integration neuer Erfahrungen in die gesammelte Lebenserfahrung (Selbstentwicklung) mit experimentellen Verfahren und mithilfe neurobiologischer Methoden

Im Rahmen der wissenschaftlichen Erforschung der Persönlichkeit befasst man sich zunächst mit zwei Grundfragen: (1) In welcher Weise und auf welchen Dimensionen unterscheiden sich Menschen voneinander (Differentielle Psychologie) und (2) in welcher Weise hängen verschiedene psychische Funktionen und Merkmale innerhalb einer Person zusammen (Persönlichkeitspsychologie)? Die Geschichte der empirischen Persönlichkeitspsychologie ist bis heute eng mit einer vorwiegend deskriptiven Orientierung verbunden, die diese beiden Fragen überwiegend mit einer statistischen Methode untersucht hat (der Faktorenanalyse). Diese Methode hilft dabei, Zusammenhangsmuster von Persönlichkeitsmerkmalen zu entdecken.

Weitergehende Themen betreffen Fragen nach den Verursachungszusammenhängen zwischen verschiedenen Merkmalen und Prozessen innerhalb von Personen, die sich hinsichtlich bestimmter Eigenschaften unterscheiden. Damit sind bereits zwei wichtige Unterschiede zur Allgemeinen Psychologie angesprochen: Während die Allgemeine Psychologie in erster Linie nach Gesetzmäßigkeiten sucht, die dem Erleben und Verhalten aller Menschen gemeinsam sind (z.B. grundlegende Funktionsprinzipien der Wahrnehmung oder des Gedächtnisses), fragt die Persönlichkeitspsychologie nach dem, worin sich Menschen unterscheiden; und während die Allgemeine Psychologie die verschiedenen psychischen Teilfunktionen wie Wahrnehmung, Gedächtnis oder Denken jeweils isoliert und im Detail studiert, geht es der Persönlichkeitsforschung um das Zusammenwirken all dieser Funktionen im Gesamtsystem "Person".

Im Gegensatz zur Alltagsbetrachtung geht es der empirischen Persönlichkeitsforschung bei diesen beiden Zielen allerdings weniger darum, individuelle, einzigartige Lebensgeschichten zu rekonstruieren oder zu verstehen ("idiographischer Ansatz"), sondern die Persönlichkeitsforschung teilt mit der Allgemeinen Psychologie grundsätzlich das Ziel, nach Gesetzmäßigkeiten und Regelhaftigkeiten in der Vielfalt der Einzelerscheinungen zu suchen und die kausalen Bedingungen aufzuklären, die die Entstehung und Veränderung von Persönlichkeitsmerkmalen bestimmen ("nomothetischer Ansatz"). Die Suche nach Erklärungen sieht in den verschiedenen Persönlichkeitstheorien sehr unterschiedlich aus: Die verschiedenen Schulen basieren auf ganz unterschiedlichen Menschenbildern. Die erwachsene Persönlichkeit wird entweder auf die Art und Weise zurückgeführt, wie frühkindliche "Triebkonflikte" verarbeitet wurden (Psychoanalyse), welche Gewohnheiten und kognitive Überzeugungen erlernt wurden (soziale Lerntheorien), welche Denk- und Erlebnismuster vorliegen (kognitiver Ansatz), welche Grundbedürfnisse (z.B. Macht, Leistung, soziale Nähe) dominieren (Motivationstheorien) oder inwieweit es der Person gelingt, sich selbst zu verwirklichen (humanistische Theorien).

Unsere Arbeitsgruppe vertritt die Sichtweise, dass die Persönlichkeitspsychologie eine Integration verschiedener psychologischer Teilgebiete erfordert: Jede der genannten Schulen der Persönlichkeitspsychologie hebt einen anderen Funktionsbereich hervor (z.B. Temperament, Motivation, Kognition, Bewusstsein, Selbst, Wille). Was wir im Alltag als die Persönlichkeit eines Menschen bezeichnen, setzt sich zusammen aus einer Vielzahl von Aspekten (z.B. den Überzeugungen und Wertvorstellungen der Person, ihren kognitiven Fähigkeiten, ihrer Willensstärke, ihren Emotionen, ihren Motiven und Zielen u.v.a.m.). Diese verschiedenen Aspekte werden im Detail in den verschiedenen Teilgebieten der Psychologie untersucht (z.B. der Kognitions-, Motivations-, Emotions- oder Neuropsychologie). In diesen Forschungsgebieten werden einzelne psychische Funktionen meist mehr oder weniger isoliert untersucht (z.B. wird die Wahrnehmung unabhängig von Emotionen erforscht, oder das Gedächtnis unabhängig vom Handeln betrachtet). Im Gegensatz dazu versucht die Persönlichkeitspsychologie - so wie wir sie verstehen - das Zusammenspiel der verschiedenen Funktionen innerhalb des Gesamtsystems, das wir Person nennen, zu verstehen. Wir gehen also von einer systemtheoretischen Betrachtung von Persönlichkeit aus. Diese Perspektive ist bislang noch längst nicht so weit verbreitet und ausgearbeitet, wie man vielleicht meinen könnte. Das Studium der Persönlichkeitsforschung ist deshalb besonders anspruchsvoll, weil es Grundkenntnisse über den aktuellen Forschungsstand in allen anderen Teilgebieten der Psychologie erfordert.

Die bisherige Persönlichkeitsforschung ist durch zwei verschiedene Forschungsstrategien charakterisiert. Zum einen sind eine Reihe sehr umfassender Theorien entwickelt worden, mit denen man versucht hat, das Zusammenwirken von Kognition, Emotion und Motivation aus wenigen fundamentalen Prinzipien abzuleiten. Hierunter fallen so verschiedene Gedankengebäude wie die Psychoanalyse von Sigmund Freud, die humanistische Psychologie von Carl Rogers oder der neurobiologisch geprägte Standpunkt von H.J. Eysenck. So eindrucksvoll diese Theoriegebäude jeweils sein mögen, so ist doch auch zu bemerken, dass die meisten ihrer VertreterInnen sich einseitig nur auf einen bestimmten Teilaspekt von Persönlichkeit konzentriert und diesen in den Mittelpunkt ihrer Forschung gestellt haben (z.B. wenn Freud Angst und Triebkonflikte als Grundmotor allen Verhaltens betrachtet, oder wenn radikale Lerntheoretiker wie B.F. Skinner versuchen, jegliche menschliche Individualität auf die Gesetze des klassischen und operanten Konditionierens zu reduzieren). Darüber hinaus sind die Grundannahmen dieser umfassenden Theorien bislang oft spekulativ geblieben und repräsentieren eher allgemeine Menschenbilder als empirisch überprüfbare Modelle. Auf der anderen Seite haben eher empirisch orientierte ForscherInnen versucht, zunächst einmal mittels umfassender (faktorenanalytischer) Untersuchungen grundlegende Beschreibungsdimensionen für Persönlichkeit zu ermitteln. Diese Forschung hat zur Formulierung von mehr oder weniger umfangreichen Listen von grundlegenden Wesenszügen oder Eigenschaften geführt (wie z.B. Freundlichkeit, Extraversion oder Ängstlichkeit). Allerdings mangelt es nach wie vor an theoretischen Erklärungen für die Existenz oder Entstehung dieser Grunddimensionen.

In der Osnabrücker Forschungsgruppe versuchen wir, die Einseitigkeiten dieser beiden Ansätze zu überwinden, indem wir uns bemühen, das Zusammenwirken verschiedener psychischer Funktionen besser zu verstehen und den Zusammenhang zwischen verschiedenen Beschreibungsebenen aufzuklären. Wir sind der Überzeugung, dass für ein Verständnis von Persönlichkeit Prozesse auf ganz verschiedenen Ebenen betrachtet werden müssen (vom rationalen, bewusstes Denken über grundlegende Emotions- und Motivationssysteme bis hin zu biologischen Faktoren und hormonellen Einflüssen auf das Zentralnervensystem). Lange Zeit hat man diese Ebenen als einander ausschließende, miteinander konkurrierende Erklärungsansätze betrachtet. Z.B. wurde darüber gestritten, ob eine kognitive oder eine biologische Erklärung die richtige Erklärung für die Entstehung von Persönlichkeitsunterschieden ist. Oder man hat darüber gestritten, ob das Verhalten von Menschen durch den Einfluss der aktuellen Situationsbedingungen oder durch stabile Wesenszüge bestimmt wird. Wir glauben, dass solche Positionen gar keine unvereinbaren Gegensätze darstellen, sondern dass sie verschiedene, gleichermaßen wichtige Teilaspekte des komplexen Systems Persönlichkeit ausmachen. So ist das Verhalten von Menschen durch kognitive und biologische, durch bewusste und unbewusste, durch situationsbedingte und dispositionelle Faktoren mitbestimmt.

Wir verstehen daher unter der Persönlichkeit eines Menschen eine mehr oder weniger stabile Form des Zusammenspiels verschiedener psychischer Teilfunktionen (wir sprechen von "Systemkonfigurationen"). Personen unterscheiden sich darin, wie dominant oder differenziert bestimmte psychische Funktionen bei ihnen ausgeprägt sind. Dabei vermuten wir, dass solche Systemkonfigurationen nicht beliebig oder gar zufällig sind, sondern dass zwischen der Ausprägung einzelner psychischer Funktionen regelhafte Zusammenhänge bestehen, so dass als Folge davon bestimmte Konfigurationen mit höherer Wahrscheinlichkeit stabil sind als andere. Um nur ein Beispiel zu nennen: eine Person, die besonders sensibel auf negative emotionale Konsequenzen (z.B. eine angekündigte Bestrafung) reagiert, ist unserer Theorie zufolge mit hoher Wahrscheinlichkeit auch eine Person, die eher dazu neigen wird, sich beim Handeln auf bewusstes, vorausschauendes und planendes Denken zu verlassen, die selten impulsiv handeln wird und die eine besonders geschärfte Wahrnehmungssensibilität für äußere Reize hat. Im Alltag sprechen wir bei einer solchen Systemkonfiguration vielleicht von einer ängstlichen, unsicheren oder gehemmten Persönlichkeit. Natürlich werden solche prototypischen Konfigurationen nicht immer in solch reiner Form auftreten, aber wir denken, dass es fruchtbar ist, nach solchen relativ stabilen psychischen Konfigurationen zu suchen. In unserer eigenen Forschung können wir natürlich nicht alle Aspekte von Persönlichkeit im Detail untersuchen. Wie alle WissenschaftlerInnen haben auch wir bestimmte Schwerpunkte, die uns besonders wichtig erscheinen oder die uns einfach ganz besonders faszinieren. Dies gilt für uns als ganze Arbeitsgruppe genauso wie für jeden einzelnen innerhalb des Teams. Drei zentrale Bereiche unserer Forschung sind (1) Willensprozesse und individuelle Unterschiede in solchen Willensfunktionen, insbesondere die Selbstregulation von Affekten (Stichwort: Lage- und Handlungsorientierung); (2) die Auswirkung von negativen und positiven Grundaffekten (Belohnung und Bestrafung) auf die Art und Weise, wie Personen Informationen aufnehmen und verarbeiten (z. B. Erleichterung der ganzheitlich-kreativen Informationsverarbeitung in positiver Stimmung), und (3) das Zusammenspiel bewusster und unbewusster (genauer: automatischer) kognitiver Prozesse (z. B. die Diskrepanz zwischen bewusster Traurigkeit und unbewusster Freude als Risikofaktor für psychosomatische Erkrankungen). Wir versuchen diese Themen mit verschiedenen Methoden zu erforschen, die von der Entwicklung und Erprobung neuer Fragebögen und anderer diagnostischer Tests zur Messung individueller Unterschiede über die Messung von Reaktionszeiten in kognitionspsychologischen Aufgaben bis hin zur Messung neuronaler Substrate (EEG, fMRI, VBM) im neurophysiologischen Labor (www.psycho.uni-osnabrueck.de/~neurolab) reichen. Einige unserer aktuellen Forschungsprojekte sind auf der Fachgebietswebseite unter „Forschung“ stichwortartig beschrieben. Aus diesen Forschungsprojekten ergeben sich natürlich laufend neue, offene Fragen, an denen interessierte StudentInnen in Form von Diplomarbeiten oder Forschungspraktika, direkt mitarbeiten und neue Ideen einbringen können. Auch freiwillige Projekte, die auf die individuellen Interessen eines(r) Studierenden zugeschnitten sind, können studienbegleitend betreut werden, um den Direktkontakt mit spannenden Forschungsfragen zu intensivieren. Wer interessiert daran ist, mehr zu erfahren, ist herzlich eingeladen uns anzusprechen.

 

Sekretariat


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